Presse am Sonntag: ein Werbeblatt für einzelne Kreative?

von Stefan, geschrieben am 23. September 2009

Vorweg: ich bin der Presse derart dankbar für die Entscheidung, ihre (fast) neue Sonntagszeitung ins Leben zu rufen. Als erstes Medium hat man in der Hainburger Straße den Strukturwandel im Journalismus verstanden und darauf reagiert. Und dass der Kreativ-Szene wöchentlich vier ganze Seiten gewidmet werden, ist ebenso ein schönes Zeichen wie tatsächlich gute Inspirations- und Infoquelle. Ich habe nur ein Problem:

Ich vertraue dem Kreativ-Teil der Presse am Sonntag nicht mehr.

Weil er nämlich, wie auch immer da die Vitamin-B-Konstellation hinter den Kulissen aussieht, als Werbe- und Selbstinszenierungs-Vehikel des (wirklich geschätzten) Kollegen Erwin K. Bauer gedacht sein dürfte. Keine Ahnung, wie es sonst sein kann, dass ein einzelner Grafikdesigner (mag er noch so honorig sein) in jeder Ausgabe und dann sogar bis zu vier-fünfmal erwähnt und zitiert wird bzw. er ganze Seiten mit Arbeiten aus seinem Umfeld füllen darf.

Die Häufung ist mir vor einigen Wochen schon aufgefallen. Da schrieb Bauer mal selbst darüber, ob Design die Welt verbessern kann, verfasste einen Artikel über Ausstellungs-Kataloge, wurde über seine Einstellung zum Grafikdesign an sich befragt etc. Letzte Woche wurde mir dann klar, dass das in dieser Dichte wohl kein Zufall sein kann. Es wurde penetrant: Bauer war (wenn ich mich recht erinnere), auf jeder der vier Seiten irgendwo und irgendwie vertreten. Dabei war besonders die Schaffung der Aktion »Was braucht die Welt« für ihn fruchtbar: Sie sicherte über mehrere Wochen Erwähnungen auf der letzten Kreativ-Seite, dem so genannten Freiraum. Bauer hatte zum Wettbewerb gerufen und die besten Arbeiten besetzten dann auf Wochen (natürlich immer mit Verweis auf den Initiator) den Freiraum.

Als nun vergangenen Sonntag auch noch eine Art Porträt von Bauer und seinem Unternehmen eine ganze Kreativ-Seite in Beschlag nahm (für alle die ihn noch immer nicht ausreichend wahrgenommen haben!), fand ich es dann endgültig störend, ungut und auch ein bisschen peinlich. Einige Perlen aus der Apotheose meines Namensvetters:

  • Erwin K. Bauer ist ein »preisgekrönter Pragmatiker«
  • Er »kämpft gegen Klischees und für Design« und hat sich vorgenommen, die Auffassung vom Beruf des Grafikdesigners in der Öffentlichkeit zu ändern. »Er macht das als Autor, Designforscher, Lektor an der Angewandten, mit freien Projekten (…) oder gerade eben. Im Gespräch.«
  • »… das Eigentliche, das, was dahinter steht, ist ein Leitthema seiner Arbeit – und seines Erfolgs.«
  • »kein österreichisches Grafikbüro hat zuletzt mehr Preise geholt als Bauer und sein zehnköpfiges Team bei bauer konzept & gestaltung.«
  • »Die Palette der Arbeiten reicht von Packaging über Ausstellungen, Corporate Design, Orientierungssysteme bis zu Plakaten und ist fast ebenso breit wie die Ausbildung seiner Mitarbeiter.« – Projektanfragen richten Sie bitte an …
  • »Da muss man nicht groß nachfragen: Ja, Interdisziplinarität ist Bauer wichtig. Genauso wie „lästig“ zu sein. Bauer bezeichnet sich im Umgang mit Kunden als unbequemen Fragesteller.«
  • »… auch wenn sein Team aus Überzeugung Aufträge annimmt, die nicht das große Geld bringen, sieht sich Bauer nicht als moralischen Musterschüler.« – er hat einfach alles.
  • in der Beschreibung seiner Selbst: »Tatkräftig nennt man das wohl, sagt Bauer.«

Wer jetzt noch nicht das Gefühl einer Werbeschaltung hat, braucht wieder nur umzublättern, um erneut den Namen “Erwin K. Bauer” zu lesen.

Ehrlich

Wieso tut sich die Presse am Sonntag das selbst an? Ich verstehs nicht, denn:

  • die Presse bezeichnet sich ja selbst als unabhängige, liberale Zeitung und hat auch schon damit geworben (»Auf uns kann man sich weiterhin nicht verlassen« im Sinne von »wir schreiben, was wir denken, nicht was man von uns erwartet«). Vielleicht besteht die im Impressum extra erwähnte »redaktionelle Unabhängigkeit« der Kreativ-Seiten darin, unabhängig von der Unhabhängigkeit der Zeitung selbst zu sein?
  • ich finde es einfach peinlich, wenn hier ein (das muss ich annehmen!) Freund oder Bekannter eines Redakteurs ständig Raum bekommt, sich und sein Unternehmen zu präsentieren. Und dann auch noch in oben gezeiger, überzogen-idealisierender Form.
  • eine große Chance, nämlich der Kreative-Branche in einem nicht Branchen-spezifischen Medium Platz einzuräumen, wird dadurch gefährdet. Abwechslung ist nur beschränkt möglich, wenn ein Gestalter den Seiten derart seinen Stempel aufdrückt. Auch finde ich die Rubrik als Freiraum nicht mehr voll funktionsfähig, wenn ein Kollege auf Wochen einzelne Seiten besetzt.
  • in dieser Erwähnungs-Dichte handelt es sich dann schon eindeutig um Advertorials. Und nicht gekennzeichnete Werbung hat meiner Meinung nach hier nichts verloren, zumal es natürlich einfach unfair und wettbewerbsverzerrend gegenüber anderen Gestaltern ist.
  • diese Konzentration auf eine Person zeigt wieder die Provinzialität der Branche in Österreich. Da soll einer Szene und Branche ein Platz zur Kommunikation, Information und Darstellung gegeben werden und letztlich besetzt ihn zu großen Teilen ein Günstling der Redaktion.

Ich habe übrigens die Redaktion der Presse am Sonntag um ein Statement zu dieser Frage gebeten. Mal sehen ob und was da kommt!

Update

Bereits am Sonntag, an dem Tag, als ich realisiert habe, dass das Firmenportät gebracht worden war, weil die Presse Erwin K. Bauer auch noch als Österreicher des Jahres nominiert hat (im Bereich creative industries), schrieb mir Michael Fleischhacker (Chefredakteur Die Presse) folgendes zurück:

M-FleischhackerSie haben schon Recht. Aber wenn sich jemand besonders engagiert, findet das in der Zeitung (die hoffentlich Realität abbildet) seinen Niederschlag. Ihr Namensvetter etwa ist nicht nur ein erfolgreicher Grafikdesigner, sondern eben auch Autor, Verfasser von Artikeln, (z. B. hat er auch schon für ein anderes bekanntes Magazin geschrieben), Unilektor, Designforscher und Kurator. Durch diese vielen Funktion und weil er sich über die eigene Arbeit hinausgehend um Designvermittlung bemüht, ist er in der Branche präsenter als viele seiner Kollegen.

Dieses umfassende Engagement ist auch ein Grund für das von Ihnen so bezeichnete “Advertorial”: Dabei handelt es sich nämlich eigentlich um einen Text, der die Kandidaten für die von der “Presse” vergebenen Austria09-Preise vorstellt. Insgesamt gibt es derer in der Kategorie creative industries fünf (querkraft, Lena Hoschek, Erwin K. Bauer, Broken rules, Hannes Tschürtz). Die Aufgabe dieser Texte ist es, den Lesern, die für die Kandidaten stimmen können, zu erklären, warum dieser oder jener Kandiat nominiert wurde. Es liegt in der Natur der Sache, dass solche Artikel die Vorzüge der Kandidaten betonen.

Tatsächlich haben wir lange überlegt, ob wir Herrn Bauer überhaupt nominieren sollen. Nicht weil es dafür nicht genügend guten Gründe gegeben hätte (s. o.), sondern tatsächlich eben weil er den (inzwischen abgeschlossenen) Freiraum-Wettbwerb “Was braucht die Welt?” vorgeschlagen, vorbereitet und organisiert hat. Die nicht unproblematische Optik war uns bewusst, aber wir haben uns entschieden, es trotzdem zu machen, weil es nicht fair ist, jemanden, den wir eigentlich nominieren würden, allein deshalb nicht zu nehmen, weil er in der “Presse am Sonntag” ein schönes und aufwändiges Projekt realisiert hat.

[...]

Schnelle, freundliche und sehr ausführliche Antwort direkt vom Chefredakteur … die machen ja schon einiges richtig dort. Daher wars mir ja überhaupt wichtig, das mal aufzuzeigen. Weil der Kreativ-Teil der Presse am Sonntag eben so neu und wichtig ist!

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