SES Coverage: Subversive Analysten und 80er-Jahre-Rock.

von Stefan, geschrieben am 15. August 2009

Nachdem ich am Vormittag nach der Keynote einem sehrsehr schnellen und dichten Vortrag von Brad Geddes zum Thema »Introduction to Search Engine Marketing« gefolgt bin, stand am Ende des ersten halben Tages auf der SES ein spezifischeres Thema auf der Speisekarte: »Creating a Web Analytics Culture« – ein interssantes Feld deshalb, weil letztlich alles, was wir uns ausdenken, entwerfen und umsetzen auch darauf überprüft werden muss, ob es hilft, die gesetzten Ziele zu erreichen!

Die Session war als so genanntes »Panel« angelegt: Es gab also mehrere Redner, die jeweils einen Bereich des Themas oder eine Kernaussage in wenigen Minuten herausarbeiten. Das kann sehr informativ und knackig sein, aber auch dazu führen, dass die Redner unheimlich hetzen, um alles unter zu kriegen. Am besten hat das gleich zu Beginn John Marshall hinbekommen:

»What we can learn from Van Halen: Lose early!«

Van Halen

Van Halen hatten auf ihren Touren einen etwas divenhaft anmutenden Absatz in ihren Verträgen mit den Veranstaltern: Sie verlangten im Backstage-Bereich stehts M&Ms zu haben, aber ohne die braunen solchen. Man stempelte es als eine Allüre von Rock Stars ab und sortierte hunderte braune M&Ms aus.

Dahinter steckte aber ein cleverer Trick: wenn Van Halen braune M&Ms sahen, wussten sie, dass der Veranstalter den Vertrag nicht ordentlich gelesen hatte und dementsprechend auch von vielen anderen Vereinbarungen (die teilweise essentiell für das Gelingen ihrer Konzerte waren) keine Ahnung hatte. Somit war von Anfang an klar, welchen Veranstaltern man mehr Aufmerksamkeit widmen musste und welchen man vertrauen konnte.

Marshall meint, dass wir folgendes von Van Halen lernen können: »Lose Early!« Es sei wichtig, Mechanismen zu installieren, die einem früh genug aufzeigen, welchen Bereichen man Beachtung schenken und bei welchen man weniger aufpassen muss. Man solle früh genug diejenigen Personen in einem Projekt identifizieren, die ohnehin nicht bei der Lösung der Herausforderungen helfen werden und sich auf jene konzentrieren, die daran interessiert sind, das Beste heraus zu holen!

»It´s all about the right info for the right people«

Richard Zwickys Kernaussage war: Man muss immer wissen, wem man welche Infos und Daten gibt. Und wie man sie dafür aufbereitet, denn: Ein CEO braucht andere Daten als ein Projektleiter. Führungskräfte darf man nie mit technischen Details langweilen und überfordern, sondern muss ihnen das Material liefern, mit dem es ihnen möglich ist, ihren Job zu machen.

Ein eher lauer Vortrag mit Inhalten, die eigentlich eher zum Common sense gehören.

»7 Keys to Creating a data-driven company«

Die 7 Punkte, die es einem möglich machen, ein Unternehmen mit Analytics-Kultur zu führen, sind laut Ron Belanger:

  1. Suche dir einen Unterstützer in der Geschäftsführung.
  2. Bring die Web-Strategie mit den Unternehmenszielen auf Gleich (22% aller Unternehmen haben laut Umfragen keine Web-Strategie, 56% arbeiten gerade an einer. Meiner Meinung nach heißt das auch nichts anderes, als dass sie keine haben ;-) )
  3. Investiere eher in Angestellte und deren Ausbildung als in Tools. Niemand würde auf die Idee kommen, dass Roger Federer gut Tennis spielt, weil er einen überlegenen Schläger hat.
  4. Etabliere und sichere unternehmensinterne Standards.
  5. Sorge für ein paar schnelle Erfolge.
  6. Teste und validiere ständig die Aufwände.
  7. Übertrage Verantwortlichkeiten auf Mitarbeiter, um sie langfristig zu motivieren.

Belanger war einer derjenigen, die wirklich eine Art To-Do-List geliefert haben, was immer sehr erfrischend im Gegensatz zu manchen eher vagen Vorträgen ist – hat mir gut gefallen!

»You have to create a counter culture!«

Matthew Bailey ist, wie soll ich sagen, jetzt nicht unbedingt der Typ Mensch, den man von Anfang an gern hat. Und er weiß das. Er macht gleich klar, dass er sich gerne unbeliebt macht, in dem er einfach alles immer anzweifelt. Denn am Ende des Tages will er Dollars sehen. Man kann sich vorstellen, wie angenehm der Typ als Nachbar am Verhandlungstisch sein muss.

Aber wo er natürlich recht hat: Als Analyst muss er eigentlich subversiv sein, alles hinterfragen, immer ein »warum?« in die Runde schleudern. Denn:

“Question-asking is the single greatest Tool humans have.” [Neil Postman, US-amerikanischer Medienwissenschaftler]

Seine 3 Tips sind:

  1. Stelle Authoritäten in Frage.
  2. Akzeptiere keine eingefahrenen Denkmuster, wenn sie Probleme machen.
  3. Kenne deine Rechte.

Er hat das – und vielleicht war er mir deswegen Anfangs einigermaßen unsympathisch – besonders auf Kreative bezogen, denen er, wie er selbst sagt, gerne mal den Wind aus den Segeln nimmt, in dem er bei jeder Kleinigkeit fragt, wieviel Dollars das bringt. Aus Erfahrung kann ich aber auch sagen, dass man ein Projekt ziemlich zerstören kann, wenn man Gestaltern »den Wind aus den Segeln« nehmen will, um ein paar Dollars zu sparen. Sie brauchen diesen Wind. Genau wie ihn auch das Projekt braucht. Am Ende des Tages steht Herr Bailey zwar bestimmt mit seinen Dollars in der Hand da, aber das Unternehmen eben auch mit einer Kreativ-Lösung, die von einem Analysten diktiert wurde. Und mal ehrlich: wer will das schon?

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