Wie ich lernte, den Schwarm zu lieben.

von Stefan, geschrieben am 16. November 2011

Ich weiß nicht, wer von euch schon einen Vogelschwarm mit mehreren tausend Tieren gesehen hat, aber glaubt mir, es kann dich verändern. Ein bisschen zumindest. Ich habe jetzt zum Beispiel nicht mehr das dringende Bedürfnis, bald mal Nordlichter sehen zu müssen.

Rom, das ist Regierung und Bürokratie, das ist Geschichte und alte Mauern. Und als ich letzte Woche auf einer sogar sehr alten Mauer am kapitolinischen Hügel saß, war Berlusconis plötzliches Ende nicht das einzige, was mich kalt erwischte. Es war biblisch.

Dazu muss man wissen

… dass Rom im Spätherbst von riesigen Gruppen von Staren heimgesucht wird, die die ewige Stadt verlässlich kurz vor Sonnenuntergang mit einem sich ständig verändernden, atemberaubenden und manchmal himmelverdunkelnden Teppich überziehen. Es ist das großartigste Rahmenprogramm, das ich für eine Stadt gesehen habe. Jeden Tag, kostenlos, organisch und immer anders.

Warum mich das so erwischt hat?

Weil sich Oliver gerade für ein Projekt mit generativem Design beschäftigte und ich mich auch wieder habe mitreißen lassen. Bei generativem Design geht es darum, ein Set von Regeln zu erschaffen (z.B. als Computerprogramm), das dann die jeweiligen Anforderungen an Design-Aufgaben automatisch verarbeitet und quasi den Regeln folgend das richtige Ergebnis ausspuckt. Zum Beispiel die passende Farbpalette, ausgehend von einem Quellfoto, mit dem man das Programm füttert.

Die kreative Leistung ist also das Set von Regeln, das man entwirft, die Programmierung, wenn man so will. Ich fand heraus, dass Schwärme ganz ähnlich funktionieren.

Wie funktionieren Schwärme?

Ein Schwarm besteht aus tausenden Individuen und reagiert auf effiziente und beeindruckende Weise auf Einflüsse von außen wie zum Beispiel ein Raubtier.

Man hat bis in die 1980er-Jahre nicht wirklich gewusst, wie das funktioniert. Damals wurde versucht, mittels Computersimulationen herauszufinden, mit welchen Regeln man die einzelnen Tiere quasi programmieren müsste, damit der Simulations-Schwarm am Ende so aussieht und reagiert, wie ein natürlicher. Reverse Engineering also. Und es sind interessanterweise nur

Drei Regeln

  1. Bewege dich in der Mitte derer, die dich unmittelbar umgeben (Kohäsion),
  2. Weiche aus, wenn dir etwas nahe kommt (Separation) und
  3. Bewege dich ungefähr in die selbe Richtung wie deine Nachbarn (Alignment)

Wer sich daran hält und ein paar tausend Gleichgesinnte findet, hat einen 1-A-Schwarm. Egal, was man diesem nun entgegenwerfen wird, er wird aufgrund dieser drei Regeln effizient damit umgehen können. Man nennt das auch Schwarmintelligenz.

Warum das Ganze?

Der einzelne Hering mag vielleicht nicht der cleverste sein und gegen einen Hai hätte er alleine auch keine Chance. Außerdem möchte er so oft wie möglich fressen können, wobei eine Hai-Paranoia mitten im Atlantik nicht gerade hilft. Er müsste ständig wachsam sein und in alle Richtungen Ausschau halten. Das ist wie Essen in der U-Bahn ohne Fahrschein.

Im Schwarm hingegen ist’s komfortabel. Niemand muss wirklich aufpassen. Irgendwer wird zucken, wenn etwas kommt, und dann greift Regel 2 (Separation). Alle weichen aus. Der Hai hat kaum eine Chance, sich auf einen einzelnen Hering unter 100.000 zu konzentrieren und fängt letztlich gar nichts. Die Chance, tatsächlich gefressen zu werden, sinkt für das Individuum gegen Null.

Die Nachteile

Natürlich ist nicht alles gut im Schwarm. Er zieht, einmal entdeckt, auch mehr Räuber an. Und das Futter der Schwarmtiere muss so verteilt sein, dass auch bei den hinteren in der Gruppe noch etwas ankommt: also in großen Mengen und wenig verstreut.

Achja, und parken sollte man unter einem solchen Naturschauspiel auch nicht:

Shit happens.

Kommentare

Florian 17.12.2011, 11:14 Uhr

 

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